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„An Herdecke führt kein Weg mehr vorbei“

Der Gründungsimpuls für ein Akutkrankenhaus für Anthroposophische Medizin

Die Idee, ein Akutkrankenhaus für Anthroposophische Medizin zur regionalen Versorgung der Bevölkerung zu errichten, geht zurück auf den Neurologen Dr. Gerhard Kienle (1923-1983). Schon während des 2. Weltkriegs gründete er eine anthroposophische Studentengruppe im Untergrund (Anthroposophie war unter der Nazi-Herrschaft verboten). Ende der 1940er Jahre beschäftigte sich die Gruppe mit der Idee, die Medizin grundlegend zu reformieren. Ihre Vision war eine Klinik, in der die Gemeinschaft der dort Tätigen im Mittelpunkt steht. Ärzte, Therapeuten und Pflegende sollten gleichermaßen eingebunden sein, ärztliche Tätigkeit sollte nicht länger käufliche Ware sein. Stattdessen wollte man einen sozialen Zusammenhang für die Beziehung zwischen Arzt und Patient schaffen, in dem die Therapie den Patienten in seiner Entwicklung begleitet. Auch sollte das ganze Gesundheitssystem vom Patienten aus gedacht werden – nicht von Verwaltungsbedürfnissen aus und nicht von Profilierungsbedürfnissen innerhalb der Medizin.Das war seinerzeit etwas Ungeheuerliches – hatte ein Arzt doch eher den Status eines „Halbgotts in Weiß“, ein Patient sollte seinen Anordnungen folgen und nicht selbst mitdenken oder -handeln. Patienten waren im Rahmen von Diagnostik und Therapie mehr Objekt als Subjekt.

Auch die Idee eines Gemeinschaftskrankenhauses, in dem es keine Chefärzte, sondern allenfalls Leitende Ärzte gibt, die ihre Privatliquidationen an das Krankenhaus abführen, um Investitionen zu ermöglichen, war seinerzeit revolutionär. Denn in den 1960er und -70er Jahren war die Position eines Chefarztes der Traum der meisten Medizinstudenten – mit allen Privilegien, die Chefärzte damals besaßen, eben auch dem der Privatliquidation zu besonders hohen Sätzen. Die Vision Gerhard Kienles für ein Gemeinschaftskrankenhaus dagegen sah vor, dass ärztliches Team eine kollegiale Leitung bildet und rechtlich sowie wirtschaftlich Mitverantwortung für das Ganze übernimmt. Auf der Grundlage der anthroposophischen Welt- und Menschenerkenntnis sollte ein christlicher Impuls in der Medizin verwirklicht werden, um im gemeinschaftlichen Leben und Arbeiten neue Wege zu gehen.

Aus einer Vision wird Wirklichkeit

Im Laufe der Jahre beschäftigte sich die Arbeitsgruppe um Gerhard Kienle mit vielen Fragen, organisierte Tagung und Kurse. Zum Ausgangspunkt für die Umsetzung ihrer Vision eines Gemeinschaftskrankenhauses wurde 1951 eine Tagung zu der Frage: „Was ist heute wirtschaftlich und sozial möglich?“
Im Anschluss an diese Tagung folgten insgesamt dreizehn Jahre intensiver Suche nach der Möglichkeit, ein solch neuartiges Krankenhaus zu gründen. Es war eine Zeit voller Ideen und Enthusiasmus, aber auch voller Rückschläge, Ablehnung und Schwierigkeiten. Mehrere bereits als aussichtsreich eingestufte Projekte in Kassel, München und Stuttgart scheiterten. Schließlich verlagerte sich die Suche nach einem geeigneten Standort auf das Ruhrgebiet.

Und wie so oft, spielten auch hier persönliche Begegnungen und letztlich ein glücklicher Zufall eine große Rolle. Seit 1948 war Dr. Gustav Brunk als praktischer Arzt in Herdecke tätig. Er war Mitglied des anthroposophischen Ruhr-Ärztekreises und seit 1964 Vorsitzender des Sozialausschusses im Herdecker Stadtrat. Einer seiner Patienten war der Herdecker Bürgermeister Hugo Knauer. Als dieser wieder einmal in seiner Praxis war, erzählte Dr. Brunk ihm vom Vorhaben einiger junger Ärzte, eine neuartige Klinik zu gründen. Knauer wurde sofort hellhörig – war eine Klinik doch noch das einzige, was fehlte, um Herdecke den Status als eigenständige Stadt zu erhalten. Denn im Zuge der Überlegungen zu einer kommunalen Neugliederung gab es Pläne, Herdecke in eine der benachbarten Großstädte einzugemeinden. Um das zu verhindern, benötigte Herdecke ein Jugendamt, eine Sporteinrichtung und ein Krankenhaus. Und nur dieses fehlte noch.
So kam es, dass Hugo Knauer der Ärztegruppe ein Grundstück im Ender Tal zum Kauf anbot. Eine Win-Win-Situation: Die Vision konnte Wirklichkeit werden, Herdecke blieb der Städtestatus erhalten. Dank eines großzügigen Kredits eines Münchner Bauunternehmers in Höhe von 600.000 DM (der später in eine Spende umgewandelt wurde) erwarb der schon im November 1960 gegründete „Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern“ das Grundstück.

Am Widerstand wachsen

Bis die Bauarbeiten beginnen konnten, gab es jedoch noch viele Widerstände zu überwinden. Zum einen unterlag die Ärztegruppe um Gerhard Kienle einer großen Fluktuation. Viele hatte der nunmehr über fünfzehn Jahre währende Entstehungsprozess ermüdet, sie wollten sich anderen Aufgaben zuwenden. Auch gab es weiterhin viel Kritik am Vorhaben generell. Eine solche Klinik würde sich niemals halten können; es sei  unmöglich, Anthroposophische Medizin an einem normalen Krankenhaus zu verwirklichen, hieß es vielerorts. Hinzu kamen nicht unerhebliche Probleme mit der Baugenehmigung und Finanzierung. Der Münchner Bauunternehmer hatte ja nur den Kauf des Grundstücks ermöglicht – für den Bau der Klinik und ihre Einrichtung waren mehrere Millionen DM erforderlich.

Für die Baugenehmigung waren die Oberkreisdirektion des Ennepe-Ruhr-Kreises und die Landesregierung Nordrhein-Westfalen zuständig. Grundlage dafür war eine geregelte Finanzierung. Die möglichen Geldgeber jedoch verlangten Sicherheiten und Hinweise auf ein bereits funktionierendes vergleichbares Projekt. Damit konnte die Ärztegruppe nicht dienen – ihre Idee des Gemeinschaftskrankenhauses war etwas völlig Neues, bisher nicht Dagewesenes. Nicht nur einmal stand die Gruppe kurz davor, aufgrund all der Widerstände alles hinzuwerfen. Aber Gerhard Kienle ließ sich nicht entmutigen und schaffte es immer wieder, die anderen mitzureißen und ihnen neue Zuversicht zu geben.
Schließlich sagte die Württembergische Hypothekenbank eine erste Hypothek zu, der Bürgschaftsausschuss des Landes Nordrhein-Westfalen bewilligte im Februar 1968 eine zweite. Voraussetzung dafür war, dass der Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Einzelbürgschaften in noch einmal der gleichen Höhe aufbringen würde – eine schier unlösbare Aufgabe. Es fanden sich aber tatsächlich genügend Menschen, die solche Bürgschaften übernahmen, so dass die geforderte Summe schließlich zusammenkam. Auch alle Gründungsärzte des Krankenhauses hatten solche Bürgschaften übernommen und waren damit ein großes Risiko eingegangen. Denn es musste unverzüglich mit dem Bau begonnen werden, sonst hätte die Baufirma ihr Angebot nicht halten können, und dann wäre die gesamte Finanzierung zusammengebrochen.

Von der Utopie zum Vorbild

Und so konnte das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke am 11. November 1969 als sechsstöckiger Bau (der heute immer noch das Herzstück des Gebäudekomplexes bildet und die Stationen A und B beherbergt) mit 192 Betten eröffnet werden – achtzehn Jahre nach dem ersten Gründungsimpuls. Schlagartig zog diese ungewöhnliche Klinik alle Aufmerksamkeit auf sich und stand im Rampenlicht der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit. Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann kam zu Besuch. Die großen Medien „Stern“, „Die ZEIT“ und „Spiegel“ berichteten ebenso wie die Regionalpresse. Der WDR übertrug seine Sendung „Hallo Ü-Wagen“ direkt aus dem Speisesaal des Krankenhauses.

Aus dem Stand wurde das selbstverwaltete Gemeinschaftskrankenhaus zum Vorbild für ein Umdenken in der Medizin: Verantwortung statt Ämterhierarchie, gleichberechtigte Mitarbeit im therapeutischen Team, Mitgestaltungsmöglichkeit aller MitarbeiterInnen im Unternehmen, Akzeptanz der Patienten und Angehörigen als PartnerInnen. Am 13. Dezember 1969 schrieb der Rottaler Anzeiger in einem Bericht über die neue Reformklinik: „An Herdecke führt kein Weg mehr vorbei.“

Aber damit nicht genug. Schon ein Jahr später, am 1. April 1970, eröffnete die Krankenpflegeschule am Gemeinschaftskrankenhaus, das heutige Dörthe-Krause-Institut. Und am 30. April 1983, wenige Wochen vor Kienles Tod, begannen die ersten Studenten ihr Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Witten-Herdecke, der ersten nichtstaatlichen Universität der Bundesrepublik. Eine spezielle Ausbildung des pflegerischen und medizinischen Nachwuchses und eine substantielle Forschung seien, so Kienle, unabdingbar für die weitere Entwicklung und Verbreitung der anthroposophisch erweiterten Heilkunst. Heute ist das Gemeinschaftskrankenhaus akademisches Lehrkrankenhaus für die Universität und ein Zuhause für das Integrierte Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM).

Bis heute steht das Gemeinschaftskrankenhaus dafür, dass Anthroposophische Medizin in die normale Patientenversorgung integriert werden kann. Bis heute ist es geprägt vom Leitspruch, den Gerhard Kienle 1975 für das Krankenhaus entwickelt hat: „Unterstütze den kranken Menschen darin, seine individuellen Möglichkeiten zu verwirklichen, und in der Auseinandersetzung mit seinem kranken Leib, seinem Schicksal und der Umwelt neue Verwirklichungsmöglichkeiten zu erlangen.“